(Mark Twain zugeschrieben)
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"Quanten-Bullshit: Wie man sein Leben mit Quantenphysik ruiniert" von Chris Ferrie
ISBN: 978-3440179048
Es ist ein lustiges Buch. Oder will es zumindest sein. Bei aller Entrüstung, allem Ärger, aller Ohnmächtigkeit angesichts des grassierenden Quanten-Bullshits, kann Humor nicht schaden. Eine Möglichkeit, Spaß zu erzeugen, die schon Hofnarren an Herrscherhäusern praktiziert haben, ist es, das Publikum (in diesem Fall den Leser) für dumm hinzustellen. Ständig gibt der Autor Antworten auf fiktive dumme Bemerkungen des Lesers. Das kann erheitern, aber nicht jeder wird es lustig finden.
Dem Leser wird nicht zugetraut, zu wissen, was eine Schwingung ist. Er soll sich daher in ein Geschäft für Musikinstrumente begeben, und unter dem Vorwand, eine Gitarre für einen Freund zu suchen, an einer Saite zupfen. "Ach, wissen Sie was, vergessen Sie's. Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben, dass sie es wirklich tun werden ..." Sich eine schwingende Saite vorzustellen, und sich vorzustellen wie der Ton höher wird, wenn die Saite verkürzt wird, übersteigt die Fähigkeiten des imaginären Gesprächspartners.
Selbst erfundene Beispiele von Quanten-Bullshit werden da und dort eingestreut und gleich kommentiert. "Wie, Sie haben nicht bemerkt dass das Sarkasmus ist? Grundgütiger, wir haben noch einen langen Weg vor uns."
Glaubhafter wäre es, kämen die Beispiele tatsächlich aus der schier unerschöpflichen Quelle esoterisches Bullshits.
Konkret wird es bei einem Xrroid Gerät, das viel Geld kostet, alles Mögliche wie z.B. Krebs heilen soll, und das nachweislich zum Tod von Kranken geführt hat, indem diese auf eine medizinische Behandlung verzichtet haben. Quellenangabe? Gibt's nicht. Selber im Internet suchen.
Originell wie der Stil des Buches sind auch manche Erklärungen. So berechnet der Autor anhand der Formel E=h*f die Frequenz eines zu Fuß gehenden Menschen. Wenn Esoteriker von Frequenzen faseln, sollte man ihnen das vorrechnen und sie damit konfrontieren, dass dabei ein aberwitzig hoher Wert herauskommt. Und damit, dass sie nichts von Frequenzen verstehen
Die Erklärung des Teilchen-Welle-Dualismus ist anschaulich, und wir erfahren, dass es in der Quantenwelt weder Teilchen noch Wellen wirklich gibt, sondern dass diese Begriffe Krücken aus der Erfahrungswelt der klassischen Physik sind. Und vom Teilchen-Welle-Dualismus leitet er gekonnt zur Heisenberg'schen Unbestimmtheitsrelation über. Immerhin, ein Lichtblick.
Waren Einstein, Schrödinger, Bohr, etc. Quantenphysiker? Nein, denn die Quantenphysik gab es ja noch gar nicht. Sie versuchten, ihre Beobachtungen in der Sprache der klassischen Physik zu beschreiben. Von den vielen Versuchen, von denen wohl die Mehrzahl scheiterte, blieb das übrig, was mit Nobelpreisen gewürdigt wurde und was wir heute als Quantenphysik kennen.
Der (zumindest vorläufige) Tiefpunkt des Buches ist bei der Quantenverschränkung erreicht. Anhand einer Handvoll unglücklicher Zitate (diesmal immerhin mit Quellenangaben) erscheint Quantenverschränkung wie esoterischer Unsinn - ohne die Erwähnung, dass es Quantenverschränkung tatsächlich gibt.
Dann kommt ein kurzes Kapitel über Quantencommputer. Wenn ich nicht vorher gewusst hätte, was ein Quantencomputer ist, wäre ich anhand dieses Textes nicht draufgekommen.
Unter der Überschrift "Das große Geschäft mit den Quanten" findet sich nicht viel - dabei ist doch gerade das das Hauptthema des Buches?
Der Leser wird aufgefordert, 10.000€ in das Unernehmen des Herrn Chris Ferrie zu investieren oder seine Bücher zu kaufen. Also nein, wirklich nicht!
An der Stelle - immerhin habe ich den Großteil des Buches hinter mich gebracht - habe ich meine Lektüre beendet. Das Leben ist zu kurz um schlechte Bücher zu lesen.
PS: Wer ein gutes Buch zu diesem Thema sucht, dem empfehle ich den "Relativen Quantenquark".